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Heinrich Buchmann  Wein-und Genussexperte (IHK)  

Tannin im Wein


Struktur, Gerüst und Reifepotenzial


Tannin ist das Element im Wein, das man nicht schmeckt – sondern fühlt.
Es ist dieses trockene, leicht pelzige Gefühl am Gaumen.
Dieses Greifen an den Seiten der Zunge.
Dieses langsame Nachhallen, das bleibt.
Tannin ist keine Aromakomponente.
Es ist Struktur.
Und ohne Struktur fehlt dem Wein Halt.


1. Was ist Tannin eigentlich?


Tannine gehören zur Gruppe der Phenole.
Sie sind natürliche Gerbstoffe, die in Pflanzen vorkommen – nicht nur in Weintrauben, sondern auch in:

  • Tee
  • Kaffee
  • dunkler Schokolade
  • Walnussschalen

Im Wein stammen Tannine hauptsächlich aus:

  • Beerenschalen
  • Traubenkernen
  • Stielen
  • Holzfässern (Eiche)

Besonders Rotwein enthält hohe Mengen an Tannin, da er während der Gärung Kontakt mit den Schalen hat.
Weißwein enthält meist deutlich weniger – außer bei Orange Wine oder langer Maischestandzeit.


2. Wie entsteht Tannin im Wein?


Tannin wird während der Maischegärung extrahiert.
Je länger der Kontakt zwischen:

  • Saft
  • Schalen
  • Kernen

desto stärker wird die Tanninstruktur.
Weitere Einflussfaktoren:

  • Reifegrad der Trauben
  • Temperatur der Gärung
  • Pumpover-Intensität
  • Ausbau im Holzfass

Junge, unreife Tannine wirken oft:

  • grün
  • bitter
  • hart

Reife Tannine wirken:

  • feinkörnig
  • seidig
  • integriert

Tanninqualität ist wichtiger als Tanninmenge.


3. Wie nehmen wir Tannin wahr?


Tannin reagiert mit den Proteinen im Speichel.
Das führt zu:
Trockenheitsgefühl

  • zusammenziehender Wirkung

reduzierter Speichelproduktion
Sensorisch bedeutet das:

  • Struktur
  • Griff
  • Textur
  • Langlebigkeit im Abgang

Ein Wein mit klarer Tanninstruktur wirkt:

  • architektonisch
  • gebaut
  • definiert

Ein Wein ohne Tannin wirkt oft weich, aber auch weniger tragfähig.


4. Tannin und Reife


Tannine verändern sich mit der Zeit.
Während der Flaschenreife:

  • polymerisieren sie
  • verbinden sich zu größeren Molekülen
  • wirken runder

Deshalb kann ein junger, kantiger Rotwein nach zehn Jahren samtig erscheinen.
Große, tanninreiche Weine – etwa aus:

  • Nebbiolo
  • Cabernet Sauvignon
  • Syrah

besitzen oft enormes Reifepotenzial.
Tannin ist also nicht nur Struktur –
es ist Zeit.


5. Tannin und Balance


Tannin steht nie allein.
Es braucht:

  • Säure zur Frische
  • Alkohol zur Wärme
  • Extrakt zur Fülle

Zu viel Tannin + wenig Säure → hart
Zu viel Alkohol + viel Tannin → schwer
Gute Säure + reifes Tannin → elegant
Tannin ist das Gerüst.
Aber ohne Balance wird aus Gerüst eine Mauer.


6. Tannin in verschiedenen Stilistiken


Klassischer Bordeaux
Strukturbetont, langlebig, kraftvoll
Barolo
Hohe Säure + hohes Tannin → enorme Spannung
Burgund
Feiner, seidig strukturierter Tannincharakter
Naturwein
Unfiltrierte, manchmal kantigere Tanninstruktur
Orange Wine
Tannin im Weißwein → strukturierte Frische


7. Tannin und Speisen


Tannin liebt Protein.
Warum?
Weil Proteine im Essen die Tanninbindung übernehmen –
das Mundgefühl wird weicher.
Deshalb passen tanninreiche Weine zu:

  • Rind
  • Wild
  • gereiftem Käse
  • fettreichen Speisen

Tannin ohne Essen kann hart wirken.
Mit Speise wirkt es integriert.



Der Weinflüsterer-Moment


Wenn Struktur weich wird
Manchmal ist ein Wein jung.
Kraftvoll.
Streng.
Fast widerspenstig.
Und doch spürt man:
Hier steckt etwas dahinter.
Jahre später öffnet man die Flasche erneut.
Das, was einst griff,
ist nun samtig.
Das, was einst hart wirkte,
trägt jetzt.
Tannin ist Geduld.
Tannin ist Entwicklung.
Tannin ist das Skelett, das mit der Zeit zu Eleganz wird.
Große Weine zeigen ihre Kraft nicht sofort.
Sie zeigen ihre Struktur.
Und Struktur braucht Zeit.

Bitte besuchen Sie diese Seite bald wieder. Vielen Dank für ihr Interesse!

 
 
 
 
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