FINE-TASTERY.DE     
Heinrich Buchmann  Wein-und Genussexperte (IHK)  

Struktur vs. Aroma


Warum große Weine nicht nur gut riechen – 

sondern gut gebaut sind


Es gibt Weine, die verzaubern beim ersten Duft.
Und es gibt Weine, die tragen – über den gesamten Schluck, über das Essen, manchmal über Jahre.
Der Unterschied liegt selten in der Frucht.
Er liegt fast immer in der Struktur.
Aroma erzählt eine Geschichte.
Struktur entscheidet, ob sie bleibt.
Diese Seite zeigt, wie beides zusammenhängt – und wie du es beim Trinken unterscheiden lernst.



1. Zwei Ebenen, ein Erlebnis

Aroma ist Ausdruck

Aroma ist das, was du riechst und schmeckst:

  • Frucht, Blüte, Kräuter, Gewürze
  • Hefe, Brioche, Joghurt
  • Nuss, Honig, Tabak, Leder

Aromen sind oft der erste Eindruck.
Sie sind emotional. Und sie sind flüchtig.

Struktur ist Architektur

Struktur ist das, was du fühlst:

  • Spannung
  • Griff
  • Wärme
  • Substanz
  • Länge

Struktur trägt den Wein durch den Mund.
Sie entscheidet über Trinkfluss und Balance. Und sie bleibt, wenn die Aromen leiser werden.

2. Was gehört zur Struktur?

In der fine-tastery Systematik besteht Struktur aus vier Kräften:

  • Säure → Spannung, Richtung, Frische
  • Tannin → Gerüst, Griff, Reifepotenzial
  • Alkohol → Wärme, Körper, Tragkraft
  • Extrakt → Substanz, Dichte, Nachhall

Diese vier Kräfte bilden das Innengerüst des Weins.
→ Zur Masterseite: Struktur & Balance im Wein
→ Zur Detailseite: Säure
→ Zur Detailseite: Tannin
→ Zur Detailseite: Alkohol
→ Zur Detailseite: Extrakt


3. Was gehört zum Aroma?

Aromen lassen sich in drei Ebenen gliedern:

Primäraromen – aus der Traube

Frucht, Blüte, Kräuter.
Geprägt von Rebsorte, Klima, Reifegrad.

Sekundäraromen – aus der Gärung

Hefe, Brioche, Joghurt, leichte Würze.
Geprägt von Hefen (spontan vs. Reinzucht), Temperatur, Ausbau.

Tertiäraromen – aus Reife und Zeit

Nuss, Honig, Tabak, Pilz, Leder, Unterholz.
Geprägt durch Flaschenreife, Holz, Sauerstoffkontakt.
Aromen sind ein Hinweis auf Ursprung und Stil.
Sie sind aber nicht automatisch ein Hinweis auf Balance.

4. Warum wird Aroma oft überschätzt?

Aroma ist der erste Impuls.
Struktur ist die Entscheidung.
Ein Wein kann intensiv nach:
Mango, Maracuja, Vanille riechen – und dennoch flach wirken, weil die Säure fehlt.
Ein anderer Wein kann aromatisch zurückhaltend sein –
und trotzdem groß wirken, weil er Struktur besitzt:
Spannung, Textur, Länge.
Darum beurteilen viele Profis zuerst:

  • Struktur
  • danach Aroma

Nicht weil Aroma unwichtig ist – sondern weil Struktur den Wein trägt.

5. Das wichtigste Bild: Aroma als Hülle

Stell dir Struktur wie ein Gerüst vor.
Und Aroma wie eine Hülle darüber.
Die Hülle kann wunderschön sein.
Doch ohne Gerüst fällt sie zusammen.
Und umgekehrt gilt:
Ein stabiles Gerüst kann auch mit leiser Hülle groß wirken.
Das ist der Grund, warum manche Weine „leise“ beginnen und „laut“ enden –
weil ihre Struktur trägt.


6. So erkennst du den Unterschied im Glas


Übung 1: Riechen vs. Schlucken

  • Rieche intensiv. (Aroma)
  • Nimm dann einen kleinen Schluck und schlucke bewusst. (Struktur)

Frage:
Bleibt nach dem Schlucken noch etwas, das trägt?
Wenn ja: Struktur.


Übung 2: Der zweite Schluck
Aroma beeindruckt oft im ersten Moment.
Struktur zeigt sich im zweiten Schluck.
Frage:
Willst du automatisch weitertrinken?
Wenn ja: meist Säure + Balance.


Übung 3: Das „Körpergefühl“
Achte auf:

  • Wärme (Alkohol)
  • Griff (Tannin)
  • Dichte (Extrakt)

Aroma ist Bild. Struktur ist Körper.


7. Struktur und Aroma in typischen Stilen

Aromatisch laut, strukturell moderat

  • junge Primärfrucht-Weine
  • sehr fruchtbetonte Stile

Wirkung: sofort zugänglich, manchmal kurz.


Aromatisch leise, strukturell groß

  • klassische Terroir-Weine
  • viele große Weißweine mit Hefelager
  • gereifte Weine

Wirkung: Tiefe, Länge, Ruhe.


Naturwein / Spontangärung
Aroma: häufig weniger „sortentypisch“, mehr würzig/komplex
Struktur: oft spannungsvoll, manchmal kantig
Wirkung: lebendig, eigenständig.


Orange Wine
Aroma: Kräuter, Tee, getrocknete Früchte
Struktur: Tannin + Extrakt oft deutlich
Wirkung: gastronomisch, tief, textural.


8. Warum große Weine beides brauchen


Aroma ohne Struktur ist flüchtig.
Struktur ohne Aroma ist streng.
Große Weine verbinden beides:

  • Aroma als Ausdruck
  • Struktur als Balance

Dann entsteht etwas, das nicht nur schmeckt –
sondern wirkt.


Warum das wichtig ist

Aromen sind flüchtig.
Struktur bleibt.
Ein Wein mit großartiger Struktur: 

  • wirkt auch mit reduzierter Frucht
  • trägt über Zeit
  • entwickelt sich

Ein Wein mit viel Aroma, aber wenig Struktur:

  • beeindruckt sofort
  • fällt schnell ab

Deshalb beurteilen Profis zuerst die Struktur. Dann die Aromatik.


Der Weinflüsterer-Moment


Wenn Aroma vergeht – und der Wein bleibt
Manchmal ist der Duft überwältigend.
Und nach dem Schlucken ist alles weg.
Und manchmal ist der Duft leise.
Aber nach dem Schlucken bleibt etwas im Raum:
Spannung. Textur. Länge.
In diesem Moment versteht man,
dass Wein nicht nur aus Aromen besteht.
Aroma erzählt die Geschichte.
Struktur entscheidet, ob sie in Erinnerung bleibt.




 
 
 
 
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