Venetien
Das große Fest der Sinne
Wenn das Friaul die stille Bibliothek ist, dann ist Venetien der prächtige Opernball.
Hier geht es nicht um das Flüstern der Geschichte, sondern um ihr lautes, lebensbejahendes Lachen.
Hier wird nicht gekostet, sondern gefeiert.
Man betritt keine Region, man betritt eine Bühne.
Eine Bühne, die sich vom eisigen Hauch der Dolomiten bis zu den schläfrigen Kanälen Venedigs erstreckt.
Die Kulissen wechseln im rasanten Tempo einer Commedia dell’arte:
hier die dramatischen Felswände des Valpolicella,
dort die samtigen Hügel des Soave,
und dazwischen die steilen, grünen Vorhänge von Valdobbiadene,
von denen der Prosecco wie ein perlender Jubel hinabrieselt.
Dies ist das Land der Fülle und der Geste.
Die Sonne Italiens wirft hier keinen melancholischen Schatten,
sondern flutet alles in ein warmes, goldenes Licht, das die Trauben zur Üppigkeit und die Herzen zur Offenheit zwingt.
Akt I: Die Leichtigkeit – Ein perlendes Lachen
Es beginnt mit einem Kitzeln.
Hoch oben in den Hügeln von Conegliano Valdobbiadene, wo die Rebenarbeit ein Akt des Balancierens ist, reift die reinste Form der Freude:
der Prosecco Superiore.
Dies ist kein simpler Sprudel.
Dies ist eingefangene Heiterkeit.
Seine Perlen steigen nicht auf, sie tanzen.
Sein Geschmack ist nicht süß, sondern trocken, knackig, mit einem Hauch von weißem Pfirsich und grünem Apfel –
der Geschmack eines unbeschwerten Apéritifs auf der Piazza, das Versprechen, dass der Abend lang und schön wird.
Weiter westlich, am Gardasee, wo die Berge wie Wächter das Wasser umarmen, wächst der Bardolino.
Er ist so leicht, dass er fast davonzufliegen scheint.
Ein Hauch von Rubinrot, ein Duft nach frisch geplatzten Kirschen und Veilchen.
Er schmeckt nach Sommersprossen auf Kinderarmen,
nach dem Platschen von Steinen im glasklaren Wasser,
nach dem unbekümmerten Lachen eines Tages ohne Pflicht.
Man trinkt ihn kühl, in großen Schlucken, und denkt nicht nach.
Akt II: Die Eleganz – Ein gedämpftes Lächeln
Doch Venetien kann auch leise sein.
In den Lessini-Bergen, auf uraltem, vulkanischem Tuff, wächst der Soave Classico.
Hier wird die Lebensfreude zur Kunst der Zurückhaltung.
Er ist kein lauter Wein.
Er ist ein Gedicht in Zitrus und Salz.
Sein Duft ist von zarter weißer Blüte und Mandel, sein Gaumen von einer schwebenden, mandeligen Eleganz und einer salzigen Mineralität,
die an die Kühle des Bergwindes erinnert.
Er ist der Beweis, dass höchste Freude auch in Stille und Tiefe liegen kann.
Akt III: Das Drama – Der rauschhafte Jubel
Und dann, in den tief eingeschnittenen Tälern des Valpolicella,
entfaltet sich das venetische Temperament in seiner ganzen theatralischen Wucht.
Hier wird nicht geerntet, sondern inszeniert.
Aus den edlen Trauben Corvina, Rondinella und Molinara entsteht ein ganzes Ensemble:
· Der Valpolicella Classico ist der junge Held – saftig, voller roter Beeren, direkt und einladend.
· Der Valpolicella Ripasso ist seine reifere, tiefere Version.
Durch das sogenannte „Ripassare“ – das Überpassieren der Maische auf den Trebern des Amarone –
gewinnt er an Körper, an dunkler Kirsch- und Rosinenfülle, an würziger Wärme.
Ein Wein der tiefen Zufriedenheit.
Doch die Krönung ist der Amarone della Valpolicella.
Hier wird die Traube nicht nur gelesen, sie wird kultiviert zur Raisin.
Monatelang trocknen die Beeren in speziellen „Fruttai“,
verlieren Wasser,
konzentrieren alles:
Zucker, Säure, Aromen.
Was daraus entsteht, ist kein Wein mehr.
Es ist ein Monument.
Ein Monolith aus Geschmack: Rosinen, dunkle Schokolade, Tabak, Lakritze.
Er ist schwer, alkoholreich, gewaltig –
und doch durchzogen von einer eleganten Bittermandel-Note, die ihn vor der Schwere bewahrt.
Einen Amarone zu trinken, ist kein Akt der Erfrischung.
Es ist ein Festmahl für die Seele, ein rauschhafter, melancholisch-schöner Jubel über die Intensität des Lebens selbst.
Baroni Rechsteiner: Der Architekt der Fülle
Mitten in dieser Üppigkeit, in der fruchtbaren Ebene von Piavon di Oderzo, vollzieht das Weingut Baroni Rechsteiner eine besondere Aufgabe.
In der DOC Piave, bekannt für ihren weichen, saftigen Merlot, wirkt der Name Rechsteiner wie ein Gelöbnis zur Struktur.
Die Familie, deren Name nach alpiner Strenge klingt, wurde hier zum Architekten der venetischen Fülle.
Sie kamen nicht, um die Leichtigkeit zu feiern, sondern um ihr Gerüst zu geben.
Während die Sonne der Ebene den Trauben natürliche Süße und Weichheit schenkt,
bringen die Rechsteiners die Habsburger Tugenden der Präzision und des Anspruchs in den Keller.
Ihr Merlot ist daher kein einfacher Schluck.
Er ist ein Merlot, der Gewicht und Würze kennt.
Ihre internationalen Sorten – ob Cabernet oder Chardonnay – verlieren hier nie ihre knöcherne Eleganz im Übermaß der Frucht.
Sie sind der Beweis, dass auch im Land der üppigen Gefühle Klarheit und Kontur möglich sind.
Sie übersetzen die venetische Lebensfreude nicht in laute Töne, sondern in lange, satte Sätze von großer Harmonie.
Das große Finale: Ein Schluck Lebenskunst
Einen Wein aus Venetien zu trinken, heißt, die italienische Lebenskunst zu verinnerlichen.
Es ist die Anerkennung, dass zum vollkommenen Glück beides gehört: der perlende, leichte Moment und der tiefe, rauschhafte.
Man schmeckt hier:
· Die spielerische Unbeschwertheit im prickelnden Prosecco.
· Die sinnliche, sonnengeküsste Fülle in einem Glas Valpolicella.
· Die komplexe, würdige Eleganz eines gereiften Soave.
· Die monumentale, triumphierende Lebenskraft des Amarone.
Venetien lehrt uns, dass Genuss keine Schuld ist, sondern eine Pflicht –
eine Pflicht gegenüber der Schönheit, der Sonne, der Fruchtbarkeit dieser Erde.
Seine Weine sind keine Gedankengebäude, sie sind Einladungen zum Fest.
Hier wird nicht geflüstert. Hier wird angestoßen. Salute!
Fakten, Klassifikationen & Charaktere
Die Hierarchie des Geschmacks: DOCG & DOC
Venetien ist das quantitative Kraftzentrum Italiens, das jedoch in seinen Spitzenlagen (DOCG) qualitative Weltklasse hervorbringt.
Die wichtigsten DOCG-Gebiete (höchste Qualitätsstufe)
· Amarone della Valpolicella DOCG: Der monumentale Rotwein aus getrockneten Trauben („Appassimento“). Kraftvoll, komplex, langlebig.
· Recioto della Valpolicella DOCG: Der süße, oft likörartige „Bruder“ des Amarone aus denselben getrockneten Trauben.
· Soave Superiore DOCG: Der gereifte, komplexe Weißwein aus der klassischen Kernzone, mit mindestens 12 Monaten Reife.
· Bardolino Superiore DOCG: Der gehaltvollere, lagerfähigere Bardolino mit mindestens 1 Jahr Reife.
· Prosecco di Conegliano Valdobbiadene DOCG (inkl. Superiore di Cartizze):
Der qualitativ hochwertige, hügelige Prosecco aus der historischen Kernzone. „Cartizze“ gilt als Grand Cru.
· Conegliano Valdobbiadene Prosecco Superiore Rive DOCG: Prosecco von bestimmten, steilen Einzellagen („Rive“).
Die prägenden DOC-Gebiete (Qualitätsweine mit Herkunftsgarantie)
· Valpolicella DOC (inkl. Classico und Valpantena): Die Heimat der Corvina-Traube.
Hier entstehen der leichte Valpolicella, der körperreiche Valpolicella Ripasso und die Basis für die DOCG-Spitzenweine.
· Soave DOC (inkl. Classico): Das große Weißweingebiet auf vulkanischen Böden.
· Bardolino DOC: Der leichte, frische Rot- und Roséwein („Chiaretto“) am Gardasee.
· Bianco di Custoza DOC: Leichter, frischer Weißwein-Cuvée nahe dem Gardasee.
· Piave DOC (oder Vini del Piave DOC): Das große Anbaugebiet in der Ebene, bekannt für seinen Merlot.
· Breganze DOC: Weiß- und Rotweine aus den Hügeln nördlich von Vicenza.
Die Böden: Drei Welten, drei Charaktere
Die geologische Vielfalt ist der Regisseur des venetischen Geschmackstheaters.
1. Vulkanischer Tuff
· Wo? Lessini-Berge (Valpolicella, Soave).
· Wirkung: Verleiht den Weinen ihre charakteristische mandelige Bitternote („amandorlato“),
eine salzige Mineralität und schlanke, nervöse Eleganz. Grund für die Spannung und Langlebigkeit von Soave und Valpolicella.
2. Eiszeitliche Moränen- und Flussschotter
· Wo? Rund um den Gardasee (Bardolino).
· Wirkung: Sehr durchlässige, karge Böden. Fördern Aromenkonzentration und sorgen für fruchtbetonte, zugängliche Weine mit belebender Frische.
3. Schwemmlandböden (Kies, Sand, Lehm)
· Wo? Venetische Ebene (Piave).
· Wirkung: Fruchtbare, tiefgründige und warme Böden. Ermöglichen voluminöse, saftige, frühtrinkreife und körperreiche Weine.
Die Heimat des venetischen Merlot.
Die Rebsorten: Die Stars des Ensembles
Die autochthonen Ikonen (Die unverwechselbaren Stimmen)
· Corvina (und Corvinone): Die unangefochtene Seele von Valpolicella.
Verleiht lebendiges Kirscharoma, elegante Bitterkeit und gute Säure, aber wenig Farbe. Die perfekte Traube für Frische und Komplexität.
· Garganega: Die Königin des Soave. Ergibt trockene, mandelige, salzige Weißweine von großer Eleganz und bemerkenswerter Alterungsfähigkeit.
· Glera: Die Traube des Prosecco. Liefert die feine Perlage, die Frische und die Aromen von weißem Pfirsich, grünem Apfel und Blüten.
Die internationalen Stars (Mit venetischem Temperament)
· Merlot: Der König der Ebene (Piave). Zeigt hier seine saftigste, weichste und zugänglichste Seite (Pflaume, Brombeere),
kann aber in ambitionierten Cuvées auch große Würze und Tiefe entwickeln.
· Cabernet Sauvignon & Franc: Oft im Verschnitt mit Merlot, bringen sie Struktur, Tannin und Aromen von dunklen Beeren und Zedernholz.
· Chardonnay & Pinot Grigio: Gedeihen in den kühleren, höheren Lagen und liefern hier oft strukturiertere, ernsthaftere Weine als in anderen Teilen Italiens.
Prägnante Charakterisierung
Venetien ist das Reich der Kontraste und der Cuvée-Kunst.
Es beherrscht die Bandbreite wie keine andere italienische Region:
vom perlenden, leichten Prosecco über die mandelige Eleganz des Soave
und die saftige Freude des Valpolicella bis zur monumentalen Wucht des Amarone.
Es ist eine Region, die ihre Fülle und Lebensfreude in jedem Glas feiert, deren größte Weine diese Freude jedoch durch handwerkliche Disziplin,
traditionelle Methoden (Appassimento) und einzigartige vulkanische Terroirs in zeitlose Komplexität verwandeln.
Hier steht die Kunst der Versöhnung im Mittelpunkt: von Frucht und Struktur, von Kraft und Eleganz, von unmittelbarem Genuss und tiefer Kontemplation.
