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Heinrich Buchmann  Wein-und Genussexperte (IHK)  

Die sieben Leben des Sangiovese: Eine Reise vom Flüstern zum Schrei

Es war ein Abend, der mit einer Stille begann, die nach nichts schmeckte.
Sieben Flaschen standen auf dem Tisch. Sieben Einladungen. Sieben verschiedene Antworten auf dieselbe Frage: Wer bist du, Sangiovese?


Erstes Glas: Die leere Leinwand
Wir begannen mit einem Chianti DOCG 2022, der keinen Namen trug. Er war korrekt. Makellos. Und vollkommen seelenlos. Ein Rubinrot ohne Geheimnis, eine Nase, die sich hinter Glas zu verstecken schien, ein Gaumen, der so schnell verschwand, wie er gekommen war. Er war die Stille vor dem ersten Ton. Er lehrte uns eine Lektion, bevor er überhaupt sprach: Größe beginnt nicht mit Perfektion. Sie beginnt mit dem Verlangen, überhaupt etwas zu sagen. Dieser Wein sagte nichts. Er war unsere leere Leinwand.


Zweites Glas: Das erste Lächeln
Dann kam der Salcheto Chianti DOCG 2023. Und mit ihm kam das Leben. Plötzlich war da Glanz im Glas, Saftigkeit auf der Zunge, ein sanftes Veilchen in der Nase. Er war nicht komplex. Aber er war freundlich. Er war der Beweis, dass selbst in den großen, anonymen Appellationen ein Herz schlagen kann. Ein solider Handwerker, der die Tür zur Freude öffnete. Nach der Stille war dies das erste, warme „Willkommen“.


Drittes Glas: Die Stimme der Erde
Mit dem Poggio Gherardo Chianti Classico 2021 betrat die Würde den Raum. Hier war kein einfacher Wein mehr. Hier war ein Ort. Sein violetten Schimmer, seine würzigen Kräuternoten, seine strukturierte Säure – das war die unverwechselbare Handschrift des Chianti Classico. Er flüsterte von sonnenwarmen Hängen und kalkigem Boden. Er war nicht da, um zu gefallen. Er war da, um zu repräsentieren. Der erste Charakterkopf. Der erste, der ein zweites Glas forderte – aus Respekt.


Viertes Glas: Das ungestüme Versprechen
Der Caparzo Sangiovese IGT 2023 war der junge Rebell. Seine Farbe war ein jugendliches Violett, sein Gaumen ein Aufschrei von Säure. Er war hart, nervös, unrund. Und doch strahlte er ein rohes, elektrisierendes Potenzial aus. Er war keine fertige Geschichte, sondern ein spannendes „To be continued…“. Er lehrte uns die wichtigste Lektion des Abends: Die Zeit ist kein Feind. Sie ist der unsichtbare Co-Autor jedes großen Weines. Dieser Wein war ein Versprechen an die Zukunft.


Fünftes Glas: Die gereifte Weisheit
Der Leonardo da Vinci Chianti Riserva hielt dieses Versprechen ein. Mit seinen bräunlichen Rändern und der sanften Vanille im Duft war er der Inbegriff der Reife. Die Zeit hatte seine scharfen Kanten geglättet, das Holz ihm Würze und Wärme gegeben. Er war rund, komplex, vollendet. Der zufriedene Staatsmann, der uns zeigte, wohin Geduld und Handwerk führen können: zu harmonischer Vollkommenheit. Ein erster, stiller Gipfel.


Sechstes Glas: Das absolute Monument
Dann betrat La Gerla Brunello di Montalcino 2018 die Bühne, und die Gesetze der Schwerkraft schienen sich zu ändern.
Dies war kein Wein mehr.
Dies war ein Monument.
Sein undurchdringliches Granatrot, sein Duft nach konfitierter Frucht, Leder und getrockneter Tomate, seine majestätische Säure – das war die absolute Essenz des Ortes. Ein Wein von solcher Konzentration und Tiefe, dass er Stille forderte. Er war der unantastbare Gipfel, die definitive Antwort auf die Frage, was Sangiovese im Herzen der Tradition sein kann.
Man kostete nicht.
Man ehrte.


Siebtes Glas: Der befreite Schrei
Und gerade als wir dachten, wir hätten alles gesehen, kam Andraemo Terra Nera 2019.
Aus der Küstenebene der Maremma. Ein Super-Toskaner, der das „Super“ wörtlich nahm.
Seine Farbe war undurchdringlich schwarz. Seine Nase eine Explosion: eingekochte Kirschen, wilder Thymian, rauchige Mineralik. Sein Gaumen war opulent, kraftgeladen, ekstatisch – mit 15% Alkohol als treibender Kraft, nicht als Last.
Dies war kein Flüstern. Dies war ein Schrei. Ein Schrei nach Freiheit, nach Sonne, nach ungezügelter Lebenskraft. Er brach alle Regeln und schrieb seine eigenen. Nach der ehrfürchtigen Stille des Brunello war dies die befreiende Ekstase.


Das Finale ohne Sieger


Am Ende standen wir nicht vor einer Wahl.
Nicht zwischen dem disziplinierten Monument (Brunello) und dem befreiten Titanen (Andraemo).
Wir standen vor einer Erkenntnis.
Der Brunello war die Seele des Sangiovese, geläutert durch Regeln und Zeit –
tief, ehrfurchtgebietend, zeitlos.
Der Andraemo war die Seele des Sangiovese, befreit durch Sonne und Küstenwind – kraftvoll,
lebensbejahend,überwältigend.


Beide erzählten dieselbe Wahrheit, nur in einer anderen Sprache: Die wahre Größe des Sangiovese liegt in seiner unglaublichen Bandbreite. In seiner Fähigkeit, sowohl das sakrale Versprechen der Tradition als auch das wilde Gelächter der Befreiung zu sein.


Sie waren kein Gegensatz. Sie waren zwei Seiten derselben, großartigen Medaille.


Die Reise war vorbei. Von der langweiligen Leere zur soliden Freundlichkeit, zur terroirigen Würde, zum ungestümen Versprechen, zur gereiften Weisheit, zum absoluten Monument und schließlich zur befreiten Ekstase.


Wir hatten nicht sieben Weine getrunken.
Wir hatten sieben Leben gekostet.
Und als wir das letzte Glas absetzten, wussten wir:
Sangiovese ist keine Rebsorte.
Sangiovese ist eine Welt.
Und wir sind gerade erst durch ihr Tor getreten.


Ich bin der Weinflüsterer.


Und die Reise geht weiter.
🍷

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