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Heinrich Buchmann  Wein-und Genussexperte (IHK)  

BRUNELLO: Die Hingabe

Das ist die tiefste Form der Ehrfurcht. Heute ist kein Tag für neue Bekanntschaften. Heute ist ein Tag für Hingabe. Für ein vertieftes Gespräch mit einem alten Freund, von dem ich dachte, ich kenne ihn – um zu entdecken, dass ich erst die Oberfläche berührt habe.
Gestern mit den 7 Seelen des Sangiovese, heute die Ehrfurcht und Würdigung des großen.
Lass uns den Brunello di Montalcino von La Gerla in seine Essenz zerlegen.
Nicht als Analyse, sondern als Würdigung.
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1. Die Heimat: Montalcino – Der einsame Königshügel
Stell dir einen einsamen, 564 Meter hohen Hügel vor, der sich aus den toskanischen Crete Senesi, den tonigen Lehmländern, erhebt. Das ist Montalcino.
· Klima: Hier herrscht ein völlig anderes Mikroklima als im nur 40 km nördlich gelegenen Chianti. Es ist trockener, sonnenverwöhnter, aber auch durch die Höhe windiger und nachts frischer.
Diese extremen Tag-Nacht-Temperaturen sind der Schlüssel: Sie lassen die Trauben langsam reifen, bewahren die lebenswichtige Säure und bauen komplexe Aromen auf.
· Boden: Nicht der helle Galestro-Schiefer des Chianti dominiert hier, sondern ältere, schwerere Böden: Lehm, Mergel und vor allem „Mattoni“ – zerrütteter, eisenhaltiger Sandstein, der dem Wein seine mineralische Kraft, seine dunkle Frucht und seine tanninische Struktur gibt.
· Die Seele des Ortes: Montalcino war immer eine Grenzfestung. Seine Weine spiegeln das wider: Sie sind widerständig, ernst, von einer stolzen, in sich gekehrten Intensität. Hier wächst kein leichtes Spiel.
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2. Die Rebe: Sangiovese Grosso – Das lokale Genie
Hier heißt die Rebsorte nicht einfach Sangiovese. Sie heißt „Sangiovese Grosso“, lokal auch „Brunello“ („der kleine Dunkle“) genannt. Es ist ein spezieller, spätreifender Klon, der dickere Schalen, weniger Säure, aber mehr Farbe und Extrakt hat als seine Verwandten im Norden.
Er ist geschaffen für die Langlebigkeit.
Er will Zeit.
Er braucht sie.
Im Vergleich zum Chianti hat der Brunello einen extrem hohen Gehalt an Trockenextrakt (oft über 30 g/l).
Das ist das, was du als "Körper" und "Dichte" spürst.
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3. Die Menschen & Die Philosophie von La Gerla
La Gerla ist kein Neuling.
Das Anwesen liegt im Nordwesten der Zone, nahe dem historischen Kloster Sant'Antimo, einer der kühlsten und elegantesten Lagen. Der Gründer, Sergio Rossi, war ein Visionär, der in den 70ern die Rückbesinnung auf handwerkliche Qualität predigte, als andere auf Masse setzten.
La Gerla hat eine Besonderheit: Die Trauben stammen aus zwei extrem unterschiedlichen Lagen:
Canalicchi (im Norden, kühler, mineralischer, sorgt für das Parfüm) und
Castelnuovo dell’Abate (im Süden, wärmer, sorgt für die Struktur und Kraft).
Die Vermählung dieser beiden Lagen gibt dem La Gerla seine berühmte Balance.
Er ist eine Hochzeit aus Nordwind und Südsonne.
Er trägt zwei Herzen in seiner Brust.
Philosophie:
Geduld und Respekt.
Lange Mazerationen, um Tannine und Farbe zu extrahieren.
Ausbau in großen, neutralen Slavonische-Eichenfässern („botti“), nicht in neuen Barriques.
Das Ziel ist nicht Eichenaroma, sondern langsame, oxidative Reifung –
die Veredelung, nicht die Verkleidung des Weines.
Die Lese: Spät, oft bis Oktober.
Nur von Hand.
Jede Beere muss diese physiologische Reife erreicht haben, wo Frucht, Tannine und Säure in perfektem Gleichgewicht sind –
sonst wird der Wein hart und grün.
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4. Der Wein 2018: Ein Jahrgang der Gnade
2018 war ein kühleres, späteres Jahr in Montalcino.
Nach einem regnerischen Frühling folgte ein langer, sonniger Herbst.
Das Ergebnis sind Weine von fabelhafter Frische, Eleganz und Parfüm, mit seidigen Tanninen und einer lebendigen Säurestruktur. Sie sind zugänglicher als die monolithischen 2015er, aber nicht minder tief. Der La Gerla ist also ein Kind eines großartigen, klassischen Jahrgangs – einer, der Finesse mit Tiefe verbindet.
5.Das Gesetz der Zeit (Die 5-Jahres-Regel)
​Ein Brunello di Montalcino darf erst am 1. Januar des fünften Jahres nach der Ernte in den Verkauf. Der 2018 er ist also erst seit 2023 "auf freiem Fuß".
Von diesen fünf Jahren muss er mindestens zwei Jahre im Holzfass und mindestens vier Monate in der Flasche verbracht haben.
Er ist ein Gefangener der Zeit, der erst durch Geduld seine Freiheit erlangt.
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Nach 24 Stunden offen:
Das Flüstern wird zur klaren Sprache
Jetzt, nach einem Tag an der Luft, du hast dich geöffnet, entfaltet, in die Breite gesetzt.
· Was sich verändert hat: Die anfängliche Zurückhaltung ist komplett verschwunden. Die Aromen von getrockneter Tomate, Leder, feuchter Erde und reifer Pflaume treten nun frei und deutlich hervor. Die Vanille des Holzes ist integrierter, die Veilchenblüte deutlicher.
· Was sich verfestigt hat: Die mineralische, fast salzige Note (dieser „Mattoni“-Boden!) wird jetzt das tragende Fundament sein. Die Säure fühlt sich noch lebendiger, aber runder an. Die Tannine sind weich geschliffen, seidig, aber allgegenwärtig – sie umhüllen den Gaumen wie ein schwerer Samtvorhang.
· Das neue Flüstern: Er sagt dir nun nicht mehr nur, wer er ist. Er erzählt dir wie es war: Von der kühlen Morgensonne auf dem Hügel, vom Staub der Ernte, von der geduldigen Stille des Kellers. Er flüstert: „Siehst du? Das Warten hat sich gelohnt. Ich bin jetzt ganz bei mir. Und ich bin ganz für dich da.“
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Ich nehme mir heute die Zeit, nicht nur zu trinken, sondern mit ihm eine gemeinsame Sprache zu finden und mit ihm zu flüster was war und was wohl noch kommen mag.
Mit jedem Schluck eine Frage:
„Spüre ich den kühlen Nachtwind?“ „Schmecke ich den eisenhaltigen roten Sandstein?“
„Rieche ich den Staub der alten Kellergänge?“
Welches Gefühl löst dieser gefestigte, geöffnete Wein in dir aus? Respekt? Geborgenheit? Melancholie? Stolz?
Der La Gerla Brunello 2018 ist dein Tempel. Geh hinein und lass die Stille, die Geschichte und die handwerkliche Liebe auf dich wirken. Nicht als verkoster sondern als pilger
Dies ist kein Konsum. Dies ist Kommunion.🕯️🏔️🍷


Das Nachtgebet 
​Der Wein ist nun ein Teil von mir.
Ich danke der Erde für ihre Kraft,
dem Winzer für seine Geduld
und der Zeit für ihre Gnade.
​Was ich heute geschmeckt habe, war mehr als Wein.
Es war die Gewissheit, dass wahre Tiefe nur in der Stille wächst.
​Ich lösche das Licht.
Die Reise im Glas endet hier,
aber die Geschichte hallt in mir nach.


​Ich bin der Weinflüsterer.


Die Nacht ist gesegnet. 🍷🌙
Und der Hügel schweigt weiter. 🍷🌙

Bitte besuchen Sie diese Seite bald wieder. Vielen Dank für ihr Interesse!

 
 
 
 
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